Es war Sommer, und in Cardiff stand ein europäisches Finale an. Real Madrid vertraute sich einem deutschen Spielmacher an, der erst eine Woche vorher erstmals mit seiner neuen Mannschaft trainiert hatte. Toni Kroos war brillant in jenem Supercup-Finale 2014 gegen Sevilla, und seitdem hat er nicht mehr zurückgeschaut. Er ist der „Kaiser“ von Real. So ruft ihn auf dem Platz der Kapitän, Sergio Ramos.
Nun ist also wieder Cardiff angesagt. Kroos spielt mit den Seinen im Champions-League-Finale um das Privileg, den seit 1992 so genannten Titel als erste Mannschaft erfolgreich zu verteidigen. Real muss dafür Juventus Turin bezwingen und damit auch einen Spieler, der 2014 noch die Trophäe nach Madrid zu holen half. Sami Khedira gelang damals das seltene Kunststück, Champions League und WM im selben Jahr zu gewinnen.
Enge Verbindung zwischen Klubs
Es ist einer der vielen charmanten Randnotizen dieses Endspiels. Real Madrids Superstar Cristiano Ronaldo und Turins Torwartlegende Gianluigi Buffon dürften den nächsten Weltfußballer unter sich ausmachen. Real-Trainer Zinédine Zidane trifft auf seinen ehemaligen Klub als Spieler, Juves Mittelstürmer Gonzalo Higuaín auf seinen vorletzten Arbeitgeber, die brasilianischen Außenverteidiger Marcelo (Real, links) und Dani Alves (Juventus, rechts) kündigen sich spiegelverkehrt als vielleicht entscheidende, weil unberechenbarste Offensivwaffen an.
So viele Spieler gibt es nicht, die besser sind als ich
Sami Khedira (Juventus Turin)
Und im Mittelfeld bekommen es also zwei deutsche Weltmeister miteinander zu tun, die sich in der Nationalelf hervorragend ergänzen, aber nun unausweichlich aneinandergeraten werden, als zwei „Schlüssel“ der Partie, wie Bundestrainer Joachim Löw erwartet. Sie selber werden es kaum anders sehen, ein Problem mit dem Selbstbewusstsein hat keiner der beiden, schon deshalb werden sie in ihren jeweiligen Gastländern als typisch deutsch wahrgenommen. „So viele Spieler gibt es nicht, die besser sind als ich“, verkündete Khedira vor ein paar Monaten, derweil Kroos nach dem Halbfinalhinspiel gegen Atlético dezidiert in die seitens des Klubs sonst mühsam kleingefloskelte Debatte eingriff, ob Real mit vier Mittelfeldspielern (also etwa Isco) oder drei Stürmern (also etwa Bale) agieren solle. Besser mit vier, erklärte Kroos.
Um seinen eigenen Stammplatz muss er sich aber sowieso keine Gedanken machen. Dasselbe dürfte für Khedira gelten, auch wenn er im Halbfinale gegen Monaco wegen Sperre und Verletzung nur neun Minuten auf dem Platz stand.
Khedira am Karriere-Höhepunkt
Der Schwabe hat in Turin die maximale Entfaltung seines Könnens erreicht. Nicht alle hätten ihm das zugetraut, als er Real 2015 gratis und durch die Hintertür verließ, wenig geliebt von Fans und Klubvorstand, die seine Arbeit nie wertschätzten. „Meine Zeit in Madrid war nicht einfach“ – das ließ er zuletzt in Interviews durchklingen. Symptomatisch für den Verlauf beider Karrieren in Madrid lassen sich ihre gewonnenen Champions-League-Finals gegen den Stadtrivalen Atlético heranziehen. Khedira kam, soeben von einer Verletzung genesen, nur wegen einer Sperre von Xabi Alonso zum Einsatz, konnte dem Spiel keine Impulse geben und wurde beim Stand von 0:1 ausgewechselt. Ohne ihn drehte Real noch das Match. Auch Kroos wurde 2016 in Mailand ausgewechselt – allerdings beim Stand von 1:0. Real kassierte ohne ihn den Ausgleich und rettete sich gerade so eben ins Elfmeterschießen.
Khedira nie so gut wie Kroos
Kurzum, die Bedeutung seines Landsmanns für Real hat Khedira nie erreicht. Neben körperlichen Gründen (Khedira war oft verletzt, Kroos fast nie) und des Ausnahmetalents von Kroos ist das natürlich auch eine ästhetische Frage. Beide eint ihr Spielverständnis, aber Kroos ist eleganter, geistreicher, wo Khedira stärker über die Physis kommt. Schon ironisch: Der blasse Blonde aus Mecklenburg lässt das Spiel kreiseln wie zuletzt der Barça-Dirigent Xavi Hernández („Kroos ist mein Nachfolger“) und der Deutsch-Tunesier gefällt sich als Dieter-Eilts-Reinkarnation des Klischee-Teutonen („Meine deutschen Tugenden machen mich stark“). Beide sind insofern jetzt am richtigen Ort: In Spanien verehren sie das saubere Pass-Spiel als Essenz des Fußballs. In Italien hingegen gilt der Beiname „Panzer“ als echtes Kompliment. Für einen ähnlichen Coup wie Khedira halten sie dort daher die Verpflichtung von Mario Mandzukic im selben Sommer 2015 von Atlético. Als selbstlos kämpfender Linksaußen begeistert der Kroate die Fachleute. Auch Mandzukic trifft in Cardiff nun auf einen ehemaligen Klubkollegen – mit Toni Kroos zusammen räumte er 2013 beim FC Bayern das Triple ab. Am Samstag möchte er dasselbe mit Sami Khedira wiederholen.