22.07.2018

Kommentar

Özils Statement bringt den DFB in Erklärungsnot

Foto: firo

Mesut Özil mag sein Schweigen gebrochen haben, doch die Unruhe bleibt. Der DFB steckt in einer Zwickmühle. Ein Kommentar.

Die Stellungnahme von Mesut Özil kann man, wenn man es zulässt, positiv sehen: Endlich hat er sich doch, wie es DFB-Präsident Reinhard Grindel ja wollte, nach über zwei Monaten zu seinem umstrittenen Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan geäußert. Und er hat sich, auch das kann man positiv werten, weder vom öffentlichen noch politischen Druck umbiegen lassen. Özil steht zu seiner Entscheidung: Er hätte das Foto mit Erdogan, den er seit 2010 kennt, auch unter allen Umständen gemacht.

Danach tat Özil dann doch, was alle von ihm erwartet haben: Er tritt aus der Nationalelf zurück. So laut und so heftig, dass beim DFB der Präsident wackelt. Denn wenn stimmt, was Özil auf Twitter geschrieben hat, dann wollte der oberste Hüter des deutschen Fußballs persönlich die beiden Nationalspieler Özil und Gündogan aus dem Kader für die WM 2018 werfen. Zweifellos ist das ein ungeheuerlicher Vorgang.

Grindel wird in aller Öffentlichkeit möglichst rasch erklären müssen, was Integration für ihn bedeutet. Schon im Bundestag, als er noch CDU-Abgeordneter war, verwendete er eine Sprache in der Ausländerpolitik, die heute an den Duktus der AfD erinnert. Nun als DFB-Präsident müsste Grindel vereinen statt spalten. Da dürfen keine Zweifel entstehen, dass deutsche Mitbürger, die einen Migrationshintergrund haben, keine DFB-Mitglieder zweiter Klasse sind. Es geht hier ums Ganze.

Özils Äußerung legt nämlich den Verdacht nahe, dass Grindel genau das Gegenteil wollte: Er sei bereit gewesen, seine zwei Nationalspieler dem Rechtspopulismus zu opfern. Die Unterstellung mag übertrieben wirken, halt geäußert von einem, der noch immer enttäuscht ist. Aber Grindel muss mit guten Argumenten den Vorwurf nicht nur überzeugend, sondern nachhaltig entkräften.

[video]sportal,//player.sportalhd.com/?video=KK2ckn3o[/video]

Im Ausland verliert Deutschland sonst jeden Bonus, bevor die Uefa am 27. September ihre EM 2024 vergibt. Der Schaden wäre enorm. Wir wären nicht mehr das sonnige und fröhliche Land, das wie 2006 seine Gäste wie Freunde behandelt. Wir wären ein Deutschland, wie es Özil seinen über 23 Millionen Fans auf Twitter weltweit beschreibt: ein Land, das ihn als Deutschen sieht, wenn er gewinnt, und als Türken, wenn er verliert. Özil möchte, auch das ist seine Botschaft, das Trikot eines solchen Landes nicht tragen.

Diejenigen, die jetzt „Hurra“ oder „Endlich“ rufen, sollten sich der Tragweite bewusst sein, die der Fall Özil für die Integrationspolitik in Deutschland bedeutet. Natürlich war es falsch, dass Özil sich mit dem türkischen Staatslenker Erdogan hat fotografieren lassen und nicht einmal den Versuch machte, sein Denken öffentlich zu erklären. Aber das bedeutet nicht, dass jeder Troll über ihn herfallen darf, wie man es von der AfD kennt. Schon gar nicht beim DFB. Grindel hätte vorbildlich zeigen müssen, wie man das löst.

Die Empörungswelle wird Özil hart treffen. Rechtspopulisten der AfD werden seine Sätze dankend als Bestätigung ihrer Vorbehalte und Mutmaßungen zu nutzen wissen. Da kann Özil noch so leidenschaftlich beteuern, dass er nicht aus politischen Gründen handelte, sondern aus Respekt vor der Heimat seiner Eltern: Der Hass gegen Özil wird im verführbaren Teil der Bevölkerung auf fruchtbaren Boden fallen. Vor diesem Hass aus der rechten Ecke muss man Özil unbedingt schützen.

Er macht es seinen Kritikern ja auch leicht. Er fühlt sich von den deutschen Medien, wie er schreibt, falsch verstanden – er, der sich vor und nach dem WM-Aus in Russland allen Fragen der Medien, auch dieser Zeitung, entzogen hat. Als ob er seinen Fall eskalieren wollte.

Özil hat die Heftigkeit der Reaktionen, bevor der Tweet in die Welt ging, ebenso einkalkuliert wie das Risiko, dass er seinen Rauswurf bei der Nationalmannschaft provoziert. Der deutsche Fußball in Person von DFB-Präsident Grindel gerät dadurch in Erklärungsnot. Einerseits wollen sie mündige Fußballprofis mit Rückgrat und eine Haltung zur Integration, die Spielern mit Migrationshintergrund den Weg in die deutsche Nationalelf offen hält.

Andererseits ist die DFB-Spitze abhängig vom guten Willen an der Basis, und die murrt und poltert unüberhörbar gegen denjenigen, der nicht so deutsch ticken will, wie es die Leute auf der Straße und in den Wohnzimmern gerne hätten: Was macht man dann mit diesem Spieler? Hier rächt sich das Versäumnis im DFB, rechtzeitig klare Kante gezeigt zu haben. Durchwurschteln ist immer der bequemere Weg, und bequem mag es der DFB am liebsten.

Darum ahnte man, wie der Fall Özil enden wird. Die Nationalmannschaft verliert nicht nur einen überragenden Fußballer und Weltmeister. Der DFB drückt sich vor existenziellen Fragen unserer Gesellschaft. Der DFB muss Farbe bekennen. Wenn stimmt, was Özil schreibt, dann wollte DFB-Präsident Grindel vor der WM seinen Rauswurf. Nur Bundestrainer Joachim Löw und Teammanager Oliver Bierhoff hätten das Özil-Aus verhindert. Jetzt muss man feststellen: Grindel war wahlweise von allen guten Geistern verlassen oder konnte sich nicht durchsetzen. Das sind keine guten Eigenschaften für einen Mann an der Verbandsspitze.

Gleichzeitig muss man aber sagen dürfen, dass Özil mit Teilen seiner Abrechnung falsch liegt. Niemand, der bei Verstand ist, wirft ihm seine Verbundenheit zur Türkei vor. Viele kennen das Gefühl in den Familien, wenn die Eltern oder die Großeltern nach dem Krieg vertrieben wurden, sehnsüchtig von der Zeit in der alten Heimat reden und zwei Herzen in der Brust spüren. Gastarbeitern geht es nicht anders: Integration ist kein Schwarz oder Weiß, sondern auch ein Leben in Grautönen. Die Liebe zur Herkunft ist nicht das Problem.

Özil hat einfach nicht verstanden, dass dieser Erdogan das Problem ist: Dass er sich mit einem Staatslenker hat fotografieren lassen, der seinen Machtbereich in der Türkei ausbaut und missbraucht. Der seine Kritiker in Gefängnisse steckt. Der Politiker in Deutschland beleidigt. Der die Demokratie mit Füßen tritt.

Allein darum geht es bei der Kritik an Özil: Dass er sich mit einem, der freiheitliches Denken unter Strafe stellt, überhaupt abgibt. Man muss von einem erwachsenen Menschen verlangen dürfen, dass er, wenn er in der Öffentlichkeit steht, auch die Tragweite seines Handelns begreift. Er kann das nicht verteidigen.

Vielleicht versteht man Özil auch falsch. Aber eine Chance auf Nachfragen hat Özil bisher immer rigoros abgelehnt. Man kennt das Gebaren schon. Von Leuten wie Erdogan.

[url=https://twitter.com/pitgottschalk]Diskutieren Sie mit Pit Gottschalk bei Twitter[/url]

Autor: Pit Gottschalk

Kommentieren