20.01.2018

Schalke

Goretzka verspricht: Ich werde mich zerreißen

Foto: twitter.com/fcbayern

Auf Schalke sind Verantwortliche und Fans enttäuscht: Der Star wechselt im Sommer zum FC Bayern. Die Königsblauen haben alles versucht. Ein vorzeitiger Transfer im Winter erscheint unwahrscheinlich.

Mit einer Mischung aus Niedergeschlagenheit und Trotz reagierten die Verantwortlichen von Fußball-Bundesligist Schalke 04 auf den Verlust ihres Mittelfeld-Stars Leon Goretzka. Der 22-Jährige hat sich nach monatelangem Hin und Her entschieden. Und zwar für den Branchen-Riesen Bayern München. Und gegen Schalke, das sich für Goretzka finanziell bis zur Decke gestreckt hatte. „Natürlich sind wir enttäuscht“, gibt Sportvorstand Christian Heidel zu. „Ich glaube, wir haben alles getan, was möglich ist. Deswegen machen wir uns intern auch keinen Vorwurf.“

Trainer Domenico Tedesco reagiert zerknirscht, aber auch professionell: „Wir sind traurig, dass wir Leon verlieren – menschlich und sportlich. Trotzdem akzeptieren wir das, weil es am Ende des Tages zum Fußballgeschäft dazugehört.“ Kämpferisch kündigt Tedesco an: „Unser Weg ist nicht vorbei. Leon ist Teil dieser Mannschaft. Erst ab dem 30. Juni ist er es nicht mehr.“

Schalke-Vertrag war ausgearbeitet

Noch zu Wochenbeginn hatte Schalkes Chefetage Hoffnung, den umworbenen Nationalspieler zu einem Verbleib überreden zu können. „Wir haben zweieinhalb Stunden um ihn gekämpft“, sagt Heidel. Vergeblich. Was Heidel besonders wurmt, ist, dass eigentlich schon vor einem Dreivierteljahr Einigkeit mit Goretzka und seinem Berater Jörg Neubauer bestand.

„Wir waren in intensivsten Verhandlungen seit Mai 2017, und es war nicht nur so, dass wir uns irgendwie geeinigt haben, sondern die Anwälte haben den Vertrag ausgearbeitet“, fasst Heidel zusammen. Schalke hatte den großen Fisch schon am Haken. Der Klub wollte die Vertragsverlängerung ursprünglich bei der Saisoneröffnung am 6. August präsentieren.

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Zu diesem Zeitpunkt hatte Goretzka, der 2013 vom VfL Bochum nach Schalke gekommen war, seinen Marktwert durch starke Leistungen in der Nationalelf beim Confed-Cup in Russland erheblich gesteigert – und sich bei mehreren internationalen Top-Klubs in den Fokus gespielt. „Als Leon vom Confed-Cup zurückkam, hat er einfach darum gebeten, noch ein bisschen zu warten“, sagt Heidel. Schalke kam dem Wunsch nach. Am Ende machten nun die Bayern das Rennen. Sie statten ihn mit einem Vierjahresvertrag aus.

„Die Fragen über den Sinneswandel müsste man mit Leon bereden. Er soll seine Entscheidung selbst begründen“, sagte Heidel am Freitag. Goretzka, der am Nachmittag mit seinen Teamkollegen die vorletzte Trainingseinheit vor dem Heimspiel am Sonntag (18 Uhr/Sky) gegen Hannover 96 bestritt, richtete via Facebook Worte an die Fans.

„Ich will den DFB-Pokal gewinnen“

„Ich weiß, dass ich damit euch alle enttäusche und ihr wenig Verständnis dafür aufbringen werdet. Jede Erklärung, die ich jetzt abgeben würde, würde auf wenig Anklang bei euch stoßen. Ich möchte jetzt auch nicht Abschied nehmen, denn ich spiele noch die Rückrunde. Und jeder, der mich nur ein bisschen kennt, der weiß, dass ich mich, wie immer, zerreißen werde.“ Zu seinen sportlichen Zielen schreibt Goretzka: „Ich will Schalke 04 wieder in die Champions League zurückführen und möchte am 19. Mai in Berlin den DFB-Pokal gewinnen.“ Auf dem Weg dorthin könnte ihm aber eine Zwickmühle drohen, wenn er im Halbfinale oder im Endspiel mit Schalke auf Bayern treffen sollte.

Trainer Domenico Tedesco denkt noch nicht an Berlin, sondern an das große Ganze. Goretzka schreibt: „In einem Gespräch am Mittwoch hat mich insbesondere der Trainer nun noch mehr in die absolute Pflicht genommen und baut zu 100 Prozent auf mich. Ich will und werde das zurückgeben. Denn es ist keine Floskel, wenn ich sage, dass die fünf Jahre Auf Schalke fest in meinem Kopf und Herzen bleiben werden.“ An die Fans richtet er diesen Wunsch: „Macht es uns als Mannschaft nicht schwer. Denn wir haben Ziele, die wir erreichen wollen. Und da will ich einen entscheidenden Anteil liefern!“

Stimmungstest am Sonntag

Wie wird der Empfang für Goretzka am Sonntag in der Arena ausfallen? „Ich selbst kann das schwer beurteilen, weil ich noch nicht so lange auf Schalke bin“, sagt Direktor Sport Axel Schuster. Domenico Tedesco hofft nicht, dass sich Goretzkas Entscheidung „auf die Stimmung auswirkt“. Der Trainer sagt: „Die Fans geben uns Kraft. Das ist eine Stärke von Schalke. Deshalb gehe ich nicht davon aus, dass es negativ wird.“
Falls die Fan-Wut doch überhandnehmen sollte, könnte theoretisch auch ein vorzeitiger Goretzka-Wechsel zu Bayern in diesem Winter zumindest in Erwägung gezogen werden. „Ich schließe grundsätzlich nichts aus“, sagt Christian Heidel dazu. „Wenn Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge anrufen würde, würde ich rangehen.“ Dieser Fall erscheint aber unwahrscheinlich – jetzt müssten die Bayern noch tief in die Tasche greifen, im Sommer bekommen sie den Spieler ablösefrei.

Und: Ob Schalke beim Kampf um die internationalen Plätze auf Goretzkas Qualitäten verzichten könnte, muss bezweifelt werden. Trainer Tedesco setzt voll auf ihn: „Leon ist professionell genug, um alles rauszupusten. In jedem Training. In jedem Spiel.“

Autor: Thomas Tartemann

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