Dietmar Schacht, wo ist die Euphorie und das öffentliche Interesse von 2006 geblieben?
Den Unterschied macht natürlich in diesem Jahr in erster Linie der Standort aus. Man konnte 2006 enorm von dem Sog und den Nachwirkungen einer begeisternden FIFA-WM in Deutschland profitieren. Das ist natürlich nicht wiederholbar zumal es ‚nur’ um eine EM in diesem Jahr geht. Vielleicht ist die öffentliche Wahrnehmung in England zurzeit eine andere, aber hier in Deutschland gibt es eigentlich keine einzige Meldung auch nicht von Verbandsseite.
Woran liegt das?
Die bevorstehenden Paralympics im September in Peking genießen eine höhere Priorität. Viel wesentlicher ist jedoch, dass der Deutsche Behindertensportverband nach den Problemen und der nachträglichen Disqualifikation 2006 in diesem Jahr bei den Registrierungen der Spieler kein Risiko eingehen wollte. Erst wenn diese abgeschlossen sind und der Kader komplett ist, wird die Pressearbeit erfolgen. Ich halte das allerdings für zu spät.
Ist der Kader denn nun vollständig und liegen alle Akkreditierungen vor?
Wir haben noch Nachnominierungen, deren Unterlagen noch nicht geprüft wurden. Ansonsten steht mein 17-köpfiger Kader. Die vier fehlenden Spieler, Michael Schröder, Sascha Kuntze, Matthias Zemberowski und Wissam El Hamadi stehen dann hoffentlich ab Samstag auf Abruf bereit, werden aber natürlich nur eingesetzt, wenn die Unterlagen ordnungsgemäß vom Weltverband bewilligt wurden.
Hat sich die Mannschaft im Vergleich zu 2006 verändert?
Das Team hat ein ganz anderes Gesicht. Die Leistungsträger Demir, Müller, Blum und vor allem Skorna sind nicht mehr dabei. Es sind hungrige neue Spieler hinzugekommen. Bitter ist der Ausfall von Timo Mummert, der im Testspiel gegen Holland vor einem knappen Monat einen Schienbeinbruch erlitt.
Wie lässt sich das Leistungsniveau der Mannschaft einordnen?
Wir hatten vor zwei Wochen noch ein Turnier in Dorsten. Dort spielten wir gegen einen A- und B-Kreisligisten sowie einen Bezirksligisten. Die Mannschaft hat sich sehr gut präsentiert und am Ende einen guten zweiten Platz belegt, weil die Bezirksliga-Kicker knapp gewannen. Insgesamt bin ich sehr zufrieden. Die Jungs sind sehr diszipliniert und zeigen dennoch ein hohes Engagement auf dem Platz. Die Kondition konnte enorm verbessert werden, weil sich die meisten Spieler an meine Trainingspläne gehalten und daheim gut gearbeitet haben. Wir dürfen nicht vergessen, dass nicht alle Spieler in einem Verein regelmäßig trainieren.
Das war 2006 noch anders – hat das Auswirkungen auf die Zielsetzung in Anbetracht der starken Gegner?
Die Mannschaft ist mit 2006 überhaupt nicht vergleichbar. Wir gehören nicht im Ansatz zum Favoritenkreis. Aber vielleicht können wir für die eine oder andere Überraschung sorgen.
Wie soll das gelingen? Polen und Holland in der Vorrunde sind doch kaum zu schlagen und Schweden die große Unbekannte. Wo landet Deutschland am Ende?
Es wäre natürlich toll, wenn wir unter die ersten Acht kommen (lacht), aber ganz im Ernst: Holland ist der große Favorit, gefolgt von England und meinem Geheimtipp Polen. Es ist gut, dass wir in unserer Gruppe zuerst gegen die Holländer spielen, die wir natürlich sehr gut kennen, aber kaum zu packen sind. Schweden und Polen kann ich nach dem Spiel in Ruhe beobachten. Mit einem Sieg und einem Unentschieden könnten wir ja schon das Halbfinale erreichen. Das wäre dann eine Riesen-Sensation.
Wann reisen Sie mit der Mannschaft nach England?
Unser Mannschaftsbus startet am morgigen Freitag. Wir haben dann den Samstag und Sonntag, um uns zu akklimatisieren, werden aber auch noch drei Trainingseinheiten an den beiden Tagen abhalten, bevor unser erstes Spiel am Montag angepfiffen wird.
Guido Skorna war als Verbandsligaspieler Willi Breuers unumstrittener Kapitän. Wer wird sein Nachfolger, Oldie Andreas Timm aus Essen?
Dino Winterich wird die Mannschaft führen. Andreas ist zwar unser Aushängeschild und auch ein Kopf der Mannschaft, aber er setzt sich selber auf dem Platz zu sehr unter Druck. Er weiß das selber nur zu gut und hat es mir leicht gemacht, indem er mich bat, die Binde nicht tragen zu müssen.