02.06.2017

S04

"Wenn Schalke ruft, ist sogar die Kirche voll"

Foto: Thomas Schmidtke

Der Fan-Club "Mit Gott auf Schalke" hat zum Saisonabschluss zum Gottesdienst in die Matthäuskirche eingeladen. Rund 200 Fans sind gekommen. Sogar Pfarrer Barth trägt blau-weiß.

Alles ist dem Anlass entsprechend herge­richtet. An den Masten der Matthäuskirche in Gelsenkirchen-Erle hängen blau-weiße Schalke-Fahnen. Über der Kirche erstreckt sich der blau-weiße Himmel. Selbst in der Kirche ist es nicht anders: alles ist blau und weiß. Das große Banner des Fan-Clubs „Mit Gott auf Schalke“ liegt vor dem Altar. Fast alle Kirchenbesucher sind in Fan-Kleidung gekommen. Die Sängerin­nen und Sänger des Gospelchors „Lights of Hope“ tragen blaue Schals. Auch Pfarrer Ernst-Mar­tin Barth, der Leiter der Kapelle auf Schalke, trägt statt einer gewöhnlichen Stola einen Schalke-Schal.

Als Barth zur Triller­pfeife greift, um den Gottesdienst zu eröffnen, ist klar, dass es sich nicht um einen gewöhnlichen Kirchenbesuch handelt. Während Barth nun mit dem Ball am Fuß in die Kirche hineindribbelt, mur­melt jemand in der letzten Reihe: „Sowas gibt’s es echt nur bei uns auf Schalke.“

Seit fünf Jahren veranstaltet der Fanclub „Mit Gott auf Schalke“ am Saisonende den sogenannten Abpfiff-Gottesdienst. Für Siege der Schalker Mannschaft wird nicht gebetet, aber für ein Ende gewalttätiger Auseinanderset­zungen unter Fans zum Beispiel. Die Mitglieder des Fan­clubs zeigen Nächstenliebe. Sie betonen, dass hinter jedem Fan und jedem Spieler ein Mensch steckt. Ein Mensch mit Gefühlen.
Die Lesung passt zur Saison

Die Lesung passt zur Saison

Die An­zahl der Besucher wächst stetig. Es sind nicht nur Fans aus Gelsenkir­chen, son­dern auch Anhä­nger aus Hattingen, dem Sauer­land oder dem Bergischen Land gekommen. „Wenn Schalke ruft, ist sogar die Kirche voll“, sagt Stammgast Uwe Fraßdorf. Diese Got­tesdienste beziehen den Fußball mit ein, sie erzeugen aber auch bei fundamentalistischen Christen keinen Aufschrei der Empörung. Das Verhältnis von Religion und Schalke ist angemessen.

Die Lesung, die Pfarrer Barth ausgewählt hat, spiegelt die Schalker Saison wider: Die Jünger Jesu in einem Boot auf hoher See. Sie waren in ein Unwetter geraten. Und so schwammen auch die Saison­ziele der Schalker Mannschaft dahin – natürlich auch bedingt durch die vielen Verletzungen und dem schwachen Saisonstart mit fünf Niederlagen am Stück. Es war ein ständiges auf und ab – wie auf dem Boot der Jünger eben. Fehlende Konstanz, Leistungseinbrüche, Pech, oder anders ausgedrückt: die Angst vor dem Versinken. Aber wie auch für die Jünger Jesu gibt es einen Lichtblick für alle Schalker.

Es müssen zwei, drei neue Starke geholt werden. Wir brauchen wieder Köpfe in der Mannschaft
Uwe Fraßdorf (Schalke-Fan)

Diese Saison hat die Fans aufs Neue zusammenge­schweißt. Und dies gilt es nun mit­zunehmen. Am 1. Spieltag, am dritten Wochenende im August, beginnt wieder etwas Neues. Der Blick in die Schalker Historie zeigt: Immer wieder ging’s bergauf. Damit es im nächsten Jahr bes­ser werden kann, gibt es aus Sicht der Fans aber noch Handlungsbedarf. „Weil wir die Eu­ropa League-Qualifikation verpasst haben, werden wir Goretzka und Meyer wohl nicht halten kön­nen. Zumindest nicht beide. Kolasinac ist ja schon weg“, sagt Uwe Fraßdorf und fordert: „Es müssen zwei, drei neue Starke geholt werden. Wir brauchen wieder Köpfe in der Mannschaft.“ Mannschaftskapitän Be­nedikt Höwedes trauen viele die Chef-Rolle nicht mehr zu. Es fällt der Name Jermaine Jones. Der ehemalige Schalker wurde zwar nicht von jedem gemocht. Ein Typ wie er sei als „Kämpfer“ aber unersetzbar gewesen. Außerdem sehen die Fans die neue sportliche Leitung un­ter Zugzwang. Eine weitere Saison wie diese dürfen sich Sportvorstand Christian Heidel und Trainer Markus Weinzierl nicht erlauben. S04-Fan Lothar Lembke erinnert an zu schnell entlassene Trainer. „Mit Jens Keller hat Union Berlin eine überragende Saison gespielt. Und André Breiten­reiter ist mit Hannover wieder erstklassig. So schlecht können die dann wohl doch nicht sein“, sagt er. Nun gelte es aber, da sind sich alle einig, den Blick nach vorne zu richten. Immerhin gebe es keine Dreifachbe­lastung mehr.

Die von den Resultaten der Saison ge­zeichneten Gesichter erhellen sich gegen Ende des Gottes­dienstes wieder. Es wird „Blau und Weiß, wie lieb’ ich dich“ angestimmt, das Schalker Vereinslied. Die Fans er­heben sich von den Bänken und halten ihre Schals nach oben. Es wird laut – Stadionatmosphäre im Gotteshaus. Der Stolz, Schalker zu sein, lässt sich in jedem Gesicht able­sen und so gibt es doch noch ein versöhnliches Ende. Zumindest im Gottesdienst.

Autor: Maximilian Wien

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