17.07.2018

Kylian Mbappé

Der Vergleich mit Pelé ist unvermeidlich

Foto: firo

Beginnt im Weltfußball eine neue Ära? Weltmeister Frankreich wird eine große Zukunft vorausgesagt - vor allem Stürmer Kylian Mbappé.

Sechs Minuten vor neun, gut zwei Stunden nach Schlusspfiff am Sonntag, hatte auch der große Pelé in Brasilien die passenden Worte zu den Ereignissen zurechtgelegt, die auf der anderen Erdhälfte in Moskau passiert waren. „Wenn Kylian so weitermacht und mit meinen Rekorden gleichzieht“, ließ der dreimalige Weltmeister seine über 2,5 Millionen Fans auf Twitter wissen, „muss ich meine Schuhe wohl noch einmal entstauben...“

Die drei Punkte am Satzende waren bewusst gesetzt: Der 77-Jährige weiß nur zu gut, dass im Weltfußball eine neue Ära angebrochen ist. Das 4:2 (2:1) im WM-Finale gegen Kroatien hat es wieder gezeigt: Der angesprochene Kylian Mbappé, erst 19 Jahre alt und mit Frankreich jetzt Weltmeister, erinnert mit seiner ganzen Eleganz am Ball und seinem Tempo auf dem Rasen an jenen Jahrhundertfußballer, der 1958 seinen WM-Titel holte und zwei weitere 1962 und 1970 folgen ließ – an Pelé.
Mbappé ist der zweitjüngste Finaltorschütze nach Pelé

Er ist jetzt der zweitjüngste Doppeltorschütze der WM-Historie – nach Pelé. Und der zweitjüngste Finaltorschütze – nach Pelé. Da sind Vergleiche mit dem Weltstar aus Brasilien unvermeidlich.
„Der König“, antwortete Mbappé pflichtgemäß auf den Tweet sechs Stunden später, „bleibt immer König.“ Aber da konnte der Teenager die Lawine nicht mehr aufhalten. Längst hatte ihn der Weltverband Fifa zum besten Jungstar der WM 2018 in Russland gekürt. Schon jetzt hat Mbappé mit seinen 19 Jahren mehr bei Weltmeisterschaften gewonnen als die beiden alternden Weltfußballer Lionel Messi (31) mit Argentinien und Cristiano Ronaldo (33) mit Portugal in ihrer kompletten Profikarriere.

Die französische Zeitung „Le Parisien“ formulierte, als Frankreich gerade erst den zweiten Stern für den zweiten WM-Titel nach 20 Jahren gewonnen hatte, unverblümt die Erwartungshaltung an Mbappé: „Er ist in der Lage, 2022, 2026 oder 2030 einen dritten Stern nach Hause zu bringen.“ Die Kollegen von L’Equipe legten nach: „Das ist nur der Anfang von Kylian Mbappé.“

Tatsächlich erlebt Frankreich gerade einen Jugendstil wie noch nie. Da ist nicht nur der junge Präsident Emmanuel Macron (40), der in der Ehrenloge des Luschniki-Stadions einen Freudenschrei ausstößt, wie man es von einem Politiker wohl noch nie gesehen hat. Da ist eine Horde junger Fußballer, die kurzerhand die Pressekonferenz stürmt, auf dem Tisch tanzt und ihren Trainer sprachlos macht. „Die sind komplett verrückt – ich entschuldige mich“, stammelte Didier Deschamps lachend, „aber sie sind jung und glücklich.“

Paris St. Germain zahlte 180 Millionen Euro für Mbappé
Und machen, anders als die Deutschen, keinen Unterschied bei der Herkunft ihrer Elternhäuser. „Das ist Frankreich, wie wir es lieben“, sagte Antoine Griezmann, mit 27 Jahren noch der älteste Stammspieler in der Truppe. „Es gibt verschiedene Herkünfte, aber wir sind vereint. So ist es auch in der Mannschaft. Wir spielen für dieses eine Trikot.“

Die Franzosen, die das Abenteuer in Russland zunächst zurückhaltend beäugt hatten, nachdem die Equipe Tricolore vor zwei Jahren im EM-Finale von Paris kläglich gescheitert war, empfingen das Team am Montag zu einem einzigartigen Triumphzug über die Champs-Elysee. Man spürt es in diesem von sozialen Spannungen geprägten Land sofort: Fußball heilt Wunden. Die Grande Nation hat ihren Stolz zurück, ihre Brüderlichkeit.

Auch von den Stars. „Wir waren eine geschlossene Mannschaft“, sagte Griezmann, „die Ersatzspieler waren nie genervt. Das hat dem ganzen Team gut getan.“

Und wie Zinedine Zidane, Sohn algerischer Einwanderer, mit seiner Genialität im WM-Finale 1998 alte Vorbehalte abbaute, steht heute Kylian Mbappé, Sohn eines kamerunischen Vaters, für die weltoffene Seite Frankreichs. Seine Tore zählen; nicht seine Herkunft.

180 Millionen zahlt Paris St. Germain für seinen Wechsel an AS Monaco. Und seine Sonderstellung wird innerhalb der Mannschaft akzeptiert. Aus der Startformation war er der einzige Franzose, der noch in der Heimat spielt. Das rechnen sie ihm in Frankreich hoch an. Er will noch mindestens ein Jahr bei PSG bleiben. Trotz der Eifersüchteleien mit den Brasilianern im Klub.

„So jung Weltmeister zu werden, öffnet dir Türen
Kylian Mbappé

„So jung Weltmeister zu werden, öffnet dir Türen“, weiß Mbappé und fügt demütig hinzu: „Aber dann musst du weiter arbeiten.“ Und mit ihm Jungs wie Benjamin Pavard vom VfB Stuttgart, 22 Jahre alt. Oder Lucas Hernandez, 22. Oder die beiden Innenverteidiger Raphael Varane und Samuel Umtiti, 24 und 25. „Diese Mannschaft“, sagte der ehemalige Nationaltrainer Raymond Domenech, „hat eine Zukunft für die nächste EM und WM.“

Sogar Mbappé ließ sich dann doch zu einer kleinen Kampfansage an Pelé hinreißen: „Ich habe fest vor, weiter zu kommen – so weit, wie es mein Potenzial erlaubt. Bis an meine Grenzen.“ Pelé sollte schon nach dem Schuhputzzeug suchen.

Autor: Pit Gottschalk

Kommentieren