18.05.2018

Edi Frühwirth

Schalkes vergessener Wundertrainer

Foto: firo

Der Wiener Edi Frühwirth führte den FC Schalke 04 vor 60 Jahren zur Meisterschaft. Wenn die Fans an 1958 denken, spüren sie diese Mischung aus Nostalgie und Wehmut.

Wenn Schalke-Fans an 1958 denken, spüren sie diese Mischung aus Nostalgie und Wehmut. Einerseits steht jenes Jahr unauslöschlich für die siebte Deutsche Meisterschaft in der königsblauen Klubgeschichte – genau heute vor 60 Jahren, am 18. Mai 1958, holte Schalke den Titel. Andererseits markiert es den Beginn einer Durststrecke, die nun schon seit 60 Jahren anhält.

Edi Frühwirth war ein überragender Trainer und ein fantastischer Mensch.
Willi Koslowski, Meisterspieler

Aber, Hand aufs Herz: Wer hätte noch gewusst, wie Schalkes bislang letzter Meistertrainer hieß und woher er kam? Edi Frühwirth (†) gilt bis heute als Vater des Erfolges von 1958, denn der Wiener hatte den sportlichen Betrieb auf Schalke komplett revolutioniert und den Verein so zurück in die Spitze geführt. Nicht zuletzt deshalb sehen Experten deutliche Parallelen zwischen Frühwirth und dem heutigen S04-Coach Domenico Tedesco.

„Edi Frühwirth war nicht nur ein überragender Trainer, sondern auch ein fantastischer Mensch, von dem wir in jeder Hinsicht viel gelernt haben“, huldigt Willi Koslowski, einer der letzten noch lebenden Schalker Meisterspieler. „Als wir 1958 den Titel gewannen, haben wir den mit Abstand modernsten Fußball in Deutschland gespielt. Er war taktisch einfach der beste Trainer, der zu dieser Zeit in diesem Land arbeitete.“ So hatte Frühwirth beispielsweise die sture Manndeckung abgeschafft, fortan verteidigte Schalke modern im Raum. Einzig wenn der Ball in die gefährliche Zone zentral vor dem Tor kam, nahmen die Knappen wieder die Manndeckung auf. Frühwirth brachte seinem Team zudem ein verändertes Denken in Sachen Raumaufteilung bei: Die Mitte musste bei ihm stets „zu sein“. Außen dagegen durften seine Spieler den Gegner schon mal spielen lassen. Neuerungen wie diese galten damals als revolutionär.

Heute bezeichnet man Fußballlehrer, die ihrer Zeit um ein paar taktische Erkenntnisse voraus sind, ehrfurchtsvoll als Konzepttrainer. In den 50er-Jahren jedoch hatten es Querdenker schwer. Auch Frühwirth wehte anfangs ein zünftiger Gegenwind ins Gesicht, als er begann, Schalke umzukrempeln. Dabei hatte der gelernte Ingenieur bereits vor seiner Zeit in Gelsenkirchen beachtliche Erfolge gefeiert. Bei der Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz fungierte der damals 45-Jährige als Co-Trainer der österreichischen Nationalelf und galt als deren taktisches Superhirn. Am Ende des Turniers belegte Österreich einen sensationellen dritten Platz. Ein paar Wochen später holten die Knappen Frühwirth als Nachfolger von Klub-Ikone Fritz Szepan an den Schalker Markt, wo er immerhin ein halbes Jahrzehnt bleiben sollte.

Doch auch unter dem neuen Wundertrainer fiel der Erfolg nicht gleich vom Himmel. Frühwirth brauchte 04 Jahre, um aus einem mittelmäßigen Kader einen völlig verdienten Deutschen Meister zu machen. Der bekennende Wein-Liebhaber setzte plötzlich auf junge Spieler wie Willi Koslowski, Kalli Borutta und Manni Kreuz. Er führte Tages-Trainingspläne und ausgedehnte Taktik-Schulungen ein, brachte das Konditionstraining auf den neuesten Stand und ließ seine Schützlinge nach den Spielen auslaufen – als erster Trainer überhaupt in Deutschland. Außerdem erklärte Frühwirth seinen Schützlingen, was sportgerechte Ernährung bedeutet. Als Manni Kreuz eines Tages an Mutters Küchentisch Platz nahm, bemerkte er, dass nur halb so viele Reibekuchen auf seinem Teller lagen wie sonst. Als Kreuz die Mutter fragend anblickte, trat plötzlich Edi Frühwirth hinter einem Vorhang hervor und hielt dem Genießer einen gepfefferten Vortrag.

Ein Meister der Psychologie

„Insgesamt war er wie ein Vater zu seinen Spielern: streng, aber dabei stets gerecht und liebevoll“, erinnert sich Schalkes Edelfan Rolf Nölle. Der mittlerweile 83-Jährige, der in den 1950er-Jahren als „Mann mit dem blau-weißen Anzug“ bekannt wurde, war einer der engsten Vertrauten des Österreichers und durfte sogar im Mannschaftsbus zu den Schalker Auswärtsspielen mitfahren. Schmunzelnd erzählt er: „Die Familie Frühwirth wohnte mit ihrem Sohn Franz zuerst direkt in Schalke in der Üchtingstraße, später in der Weberstraße in Gelsenkirchen-Mitte. Da bekam er als Trainer natürlich vieles mit, was so ablief. Deshalb rief er hin und wieder abends gegen halb elf bei den Spielern an, um zu kontrollieren, ob sie auch brav zu Hause saßen.“

Und noch etwas war Edi Frühwirth wichtig: Kommunikation. Jeden Donnerstag hielt er mit seinen Schützlingen eine Mannschaftssitzung ab, bei der auch die jüngeren Spieler zu Wort kamen. Darüber hinaus gilt der Wiener bis heute als Erfinder des so genannten Einzelgesprächs. Darin redete Frühwirth seine Schützlinge auch psychisch stark genug für den ganz großen Tag: Im Meisterschafts-Endspiel am 18. Mai 1958 besiegte das Team um Kapitän Berni Klodt den eigentlich favorisierten Hamburger SV um den jungen Uwe Seeler glatt mit 3:0 (Tore: Klodt 2, Kreuz). Schon in den drei Endrundenspielen zuvor hatten die Knappen ihre Gegner mit insgesamt 16:1 Toren förmlich überrollt.

Ein Autounfall beendete das Leben

Nach dem Gewinn der Meisterschaft begann der Stern des Edi Frühwirth allmählich zu sinken. Zwar erreichten die Knappen in der Saison 1958/59 sensationell das Viertelfinale im Europapokal der Landesmeister (0:3 und 1:1 gegen Atlético Madrid), doch national lief es einfach nicht. Am Ende der Oberliga-Saison belegte Schalke mit nur neun Siegen aus 30 Spielen einen enttäuschenden 11. Platz. Innere Querelen und eine gewisse Selbstzufriedenheit hatten ihren Tribut gefordert. Am Saisonende musste Frühwirth gehen. Schalkes graue Eminenz Ernst Kuzorra soll geknurrt haben: „Wir haben lange genug Wiener Schnitzel gefressen.“

Keine 14 Jahre später war Edi Frühwirth tot – ums Leben gekommen bei einem schrecklichen Unfall im Schneetreiben auf der Autobahn zwischen Tirol und München. „Ganz Schalke war damals geschockt, als das in der Zeitung stand“, erinnert sich Wegbegleiter Rolf Nölle. Der bislang letzte Meistertrainer der Königsblauen wurde nur 64 Jahre alt. Als kurz darauf die Urne mit Frühwirths Asche in Wien begraben wurde, gab ihm auch eine Gelsenkirchener Delegation um Berni Klodt das letzte Geleit. „Edi Frühwirth“, sagt der alte Freund Nölle, „ist auf Schalke gewissermaßen unsterblich geworden.“

Autor: Rolf Heßbrügge

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