18.05.2018

FC Schalke 04

„Sogar in Dortmund haben sie uns zugejubelt“

Foto: Fabian Strauch

Für Schalke 04 ist heute ein bitterer Tag: Seit 60 Jahren ist der Verein nicht mehr Meister geworden. Manfred Kreuz war Torschütze im Endspiel von 1958. Er erzählt, wie gigantisch damals gefeiert wurde.

Dieser Freitag ist der Tag, an dem Fans des FC Schalke 04 stark sein müssen. 60 Jahre ohne Schale – da ist mit Häme zu rechnen. Am 18. Mai 1958 wurden die Königsblauen zum siebten und bislang letzten Mal Deutscher Meister – in der Bundesliga gelang es ihnen noch nie.
Der Endspiel-Triumph in Hannover, das 3:0 gegen den Hamburger SV, war eine Überraschung. Zweimal traf Kapitän Berni Klodt, das 3:0 erzielte Manfred Kreuz. Der 82-Jährige, den sie auf Schalke Manni nennen, ist mit Heiner Kördell (86) und Willi Koslowski (81) einer der drei noch lebenden Schalker Meisterspieler von damals. Beim Interview trägt Manfred Kreuz einen Siegelring mit dem Vereinswappen: den Meisterring von 1958, mit dem alle Spieler geehrt wurden.

Hat dieser Ring bei Ihnen zu Hause einen Ehrenplatz?
Ich bewahre verschiedene Erinnerungsstücke auf, ich musste ihn erst hervorkramen.

Aus einer Kiste?
(lacht) Na ja, etwas nobler als eine Kiste ist die Schatztruhe schon.

Welche Erinnerungen haben Sie noch an das Endspiel von 1958? Der HSV hatte ja als Favorit gegolten.
Die Hamburger hatten mit Uwe Seeler und Konsorten eine Top-Mannschaft – mit acht Nationalspielern. Wir hatten nur einen: den Berni Klodt. Und der macht zwei Tore in diesem Spiel, das 1:0 sogar mit einem Kopfball, das hatte er sonst nie gemacht.

[imgbox-center]https://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/082/294-83363_preview.jpeg [/imgbox]

Und neun Minuten vor dem Abpfiff kam dann der entscheidende Schuss von Ihnen.
Da wusste jeder: Jetzt ist es geschafft.

Die Rückkehr nach Gelsenkirchen muss gigantisch gewesen sein.
Erst einmal haben wir die ganze Nacht durchgefeiert. Wir sind erst am nächsten Tag mit dem Zug aus Hannover zurückgereist. Es war unglaublich: Nachdem wir Westfalen erreicht hatten, standen an jedem Bahnhof Menschen, die uns feiern wollten. Sogar in Dortmund haben sie uns zugejubelt! Und es wurden von Bahnhof zu Bahnhof mehr. In Wanne-Eickel dachten wir schon, wir müssten den Rest zu Fuß erledigen, die Leute wollten vor Begeisterung den Zug nicht weiterfahren lassen. Die Krönung war dann aber die Ankunft in Gelsenkirchen. Wenn man vom Bahnhofsgebäude heruntergesprungen wäre, wäre man nicht auf dem Pflaster aufgeschlagen, sondern automatisch aufgefangen worden. So voll war es.
Wie war es, dann im Autokorso zum Schalker Markt zu fahren?
Es war unfassbar. Aber wenn ich ehrlich bin, waren wir da schon alle k.o., wir hatten ja in der Nacht überhaupt nicht geschlafen.

Der Meistertrainer war ein Österreicher. Wie war Edi Frühwirth?
Ein Supertyp war das. Der hat verstanden, die Leute zu begeistern, der war menschlich großartig und hat nie jemanden im Stich gelassen.

Er hat Sie Mitte der 50er-Jahre gemeinsam mit Schalke-Legende Ernst Kuzorra aus Hassel geholt.
Ja, die hatten mitbekommen, dass ich da ein paar Tore gemacht hatte. Ein Problem war, dass ich beruflich als Finanzbeamter nach Borken versetzt worden war, da musste ich bis 17 Uhr arbeiten. Am 1. Juli 1956 habe ich meinen ersten Vertrag unterschrieben. Es gab 80 Mark. Im Monat.

Für Trainer Edi Frühwirth hatte der junge Manni Kreuz ein paar Pfunde zu viel auf den Rippen. Er hat dann zu einer ungewöhnlichen Maßnahme gegriffen.
(lacht) Ja, ich kam gegen 14 Uhr nach Hause, es war ein Mittwoch, als Finanzbeamte hatten wir jeden Mittwoch nachmittags frei. Meine Mutter hatte Reibekuchen gemacht und servierte sie mir in der Küche. Als ich ein paar davon gegessen hatte, habe ich sie gefragt: Und jetzt? Ich war noch nicht satt, ich dachte, es gäbe noch mehr. Sonst gab es doch immer mehr. Und in dem Moment kommt aus dem Nebenzimmer der Frühwirth mit einem Tablett, auf dem die restlichen Reibekuchen lagen. Der hatte extra meine Mutter besucht, um ihr zu sagen, dass sie mir nicht zu viel Fettiges zu essen geben sollte. Und damit hatte er sein Ziel erreicht. Die Ernährung wurde umgestellt. Und nach dem Training mussten wir uns immer auf die Waage stellen, da konnte nicht gemogelt werden.

Auf Seite zwei lesen Sie, warum Manfred Kreuz kein Nationalspieler geworden ist und wie ihm die derzeitige Mannschaft des FC Schalke 04 gefällt.

Autor: Peter Müller und Dominik Loth

Seite 1 / 2 Nächste Seite >

Kommentieren

Mehr zum Thema

Wettbewerbe

Mannschaften

Rubriken