09.05.2018

Dortmund

Die Verschweizerung des BVB

Foto: firo

Erst Hitz, dann Lichtsteiner – und schließlich Favre: Die Saisonplanung läuft beim BVB. Vorher aber muss mit dezimierter Abwehr die Champions League erreicht werden.

Es sind viele fragende Gesichter zu sehen, als die Profis von Borussia Dortmund am Dienstagnachmittag ihren Trainingsplatz im Stadtteil Brackel betreten und eine öffentliche Einheit abhalten. Denn den großgewachsenen Mann mit den kurzen blonden Haaren kennen die wenigsten. Pa­trick Mainka, Kapitän der Dortmunder Regionalligamannschaft, ist zu den Profis beordert worden – denn der 23-Jährige ist Innenverteidiger, und auf dieser Position tut sich bei den Schwarz-Gelben ausgerechnet vor dem so wichtigen Endspiel um die Champions-League-Teilnahme bei der TSG Hoffenheim am Samstag (15.30 Uhr/Sky) eine beachtliche Lücke auf.

Sokratis ist nach seiner fünften Gelben Karte gesperrt, Ömer Toprak wegen muskulärer Probleme in der Wade mit hoher Wahrscheinlichkeit verhindert: „Er wird ziemlich sicher nicht zur Verfügung stehen“, sagt Trainer Peter Stöger.

Nur wenige Alternativen

Als Alternativen bleiben Manuel Akanji und Dan-Axel Zagadou. Der allerdings hat seit knapp zwei Monaten kein Spiel mehr bestritten, auch weil ihn ein Muskelbündelriss lahmlegte, weshalb Stöger auch darüber nachdenkt, auf eine Dreierkette umzustellen oder den Außenverteidiger Lukasz Piszczek ins Zentrum zu ziehen. Mainka ist erst einmal nur als Notnagel dabei.

So oder so: Stöger hat einiges zu basteln an der Abwehr, und das tun im Hintergrund auch seine Bosse, wie die neueste Personalie zeigt – allerdings mit Blick auf die kommende Saison. Dabei treiben Sportdirektor Michael Zorc und Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke die Verschweizerung des Klubs weiter voran: Denn bekanntlich verdichten sich die Anzeichen immer stärker, dass Lucien Favre in der kommenden Saison den Trainerposten übernehmen wird. Mit dem 60-Jährigen, derzeit beim französischen Erstligisten OGC Nizza unter Vertrag, wurde bereits sehr konkret über Personalien für die kommende Saison diskutiert. Zu diesen gehört der vom FC Augsburg kommende Torhüter Marwin Hitz, wie BVB-Torwart Roman Bürki ein Landsmann Favres – und Stephan Lichtsteiner. Nach Informationen dieser Zeitung arbeitet der BVB an einer Verpflichtung des Rechtsverteidigers, Gespräche mit ihm laufen derzeit.

Im Dortmunder Umfeld sorgt das durchaus für Verwunderung, denn Lichtsteiner passt so gar nicht in das Dortmunder Profil der vergangenen Jahre: Der Abwehrspieler, dessen Vertrag bei Juventus Turin im Sommer ausläuft, ist bereits 34 Jahre alt, verspricht daher weder Entwicklungspotenzial noch einen hohen Transfererlös in den kommenden Jahren. Die Personalie ist ein eindeutiges Zeichen dafür, dass die Verantwortlichen ernst meinen, was sie seit Wochen ankündigen: dass sie nicht mehr nur auf fußballerisches Talent, sondern auch auf Mentalität setzen wollen.

Ein Führungsspieler

Lichtsteiner ist Kapitän der Schweizer Nationalmannschaft, er darf als Führungsspieler gelten. Und davon kann der BVB einige vertragen. Hochtalentierte Fußballer haben sie in den vergangenen Jahren zuhauf verpflichtet – aber kaum einen, der das Team anführen kann und auch unter widrigen Umständen zuverlässig besteht.

Und Fußball spielen kann der Schweizer auch, das hat er zur Genüge bewiesen: Für Juventus stand er in der laufenden Saison in 31 Pflichtspielen auf dem Platz, unter anderem beim äußerst unglücklichen Viertelfinal-Aus in der Champions League gegen Real Madrid.

Favre will noch nichts bestätigen
Als die Dortmunder sich entschieden, die Gespräche mit dem Schweizer zu forcieren, hatten sie dabei auch den Revierrivalen Schalke 04 im Kopf, der mit der Verpflichtung des 33-jährigen Naldo vor zwei Jahren einen Glücksgriff landete. Und sie wissen, dass ihr Rechtsverteidiger Piszczek in Kürze 33 wird, zudem Operationen an beiden Hüften hinter sich hat und nicht mehr die Fitness für 40 Saisonspiele garantiert. Mit Lichtsteiner bietet sich ein Altersteilzeit-Modell an.

Und darüber wird, wenn nichts mehr dazwischen kommt, Favre wachen. Bestätigen allerdings mag das im Saison-Endspurt weder der BVB noch der Schweizer selbst: „Ich denke, das ist nicht die Zeit, darüber zu reden“, sagt der frühere Trainer von Borussia Mönchengladbach. „Ich konzentriere mich auf die beiden Spiele, die wir noch haben. Die Qualifikation für die Europa League ist noch möglich, und wir müssen alles tun, um dorthin zu gelangen.“

Er selbst aber dürfte in der kommenden Saison Champions League spielen – wenn Peter Stöger in Hoffenheim die Bastelei an der Dortmunder Abwehr gelingt.

Autor: Sebastian Weßling

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