02.05.2018

Hansch über Assauer

„Rudis größtes Verdienst ist kein sportliches“

Foto: Getty Images

Werner Hansch weiß um die Meriten Rudi Assauers, hält die Enttabuisierung der Krankheit Alzheimer, an der der ehemalige Schalker Manager seit Jahren leidet, aber für sein größtes Lebenswerk.

Am Freitag feiert „Rudi Assauer. Macher. Mensch. Legende.“ Premiere in der Veltins-Arena – ein Film über den einst so mächtigen und erfolgreichen Manager des FC Schalke 04, der seit Jahren an Alzheimer erkrankt ist. Werner Hansch gehört zu den Menschen, die den 74-Jährigen schon seit über fast 40 Jahren begleiten. Wir sprachen mit dem ehemaligen Sportreporter, der als die „Stimme des Ruhrgebiets“ gilt, über seine besondere Beziehung zu Rudi Assauer, das Thema Alzheimer und das, was er ihm noch viel höher anrechnet, als die sportlichen Erfolge, hinter denen er steht. Sein Umgang mit „dieser verdammten Krankheit“.

Herr Hansch, Rudi Assauer ist am Montag 74 Jahre alt geworden. Haben Sie ihn an seinem Geburtstag besucht?
Werner Hansch: Nein. Ich habe den Brückentag zu einem familiären Besuch in London genutzt. Seien Sie aber sicher, dass ich in Gedanken bei ihm war und es ohnehin sehr oft bin.

Wissen Sie, wie es Ihrem Freund aktuell geht?
Hansch: Aktuell weiß ich das nicht. Ich hatte gehofft, ihn im Dezember bei der Verleihung des Rudi-Assauer-Preises auf Schalke zu sehen. Seine Tochter Bettina Michel war mit Freunden dabei und entschuldigte Rudi wegen einer schweren Erkältung.

Wann haben Sie Rudi Assauer zuletzt gesehen?
Hansch: Das war im vergangenen Juli bei der Vorführung des Films, der am Freitag auf Schalke gezeigt wird. Eine Art Vorpremiere. Wir, das Team von der Rudi-Assauer-Initiative, waren stark vertreten.

Können Sie einschätzen, ob er realisiert, dass Schalke kurz vor dem Einzug in die Champions League steht?
Hansch: Es wäre ihm sehr zu wünschen, dass er es mitbekommt. Seine Krankheit ist natürlich fortgeschritten. Als ich seinen behandelnden Arzt vor zwei Jahren fragte, ob Rudi mich noch erkennen würde, antwortete er: ‘vielleicht aufgrund Ihrer Stimme.’ Eine zielgerichtete Unterhaltung mit ihm war schon zu dieser Zeit nicht so einfach.

Was macht Ihre Freundschaft aus?
Hansch: Es kommt darauf an, wie man Freundschaft definiert. Ich kenne Rudi seit seiner ersten Amtszeit auf Schalke, die 1981 begann und ja bekanntlich nicht besonders erfolgreich war. Er war damals noch der Kaschmir-Rudi, der eine große Distanz zu den Fans hatte. Ganz anders, als er 1993 als Manager zurückkam und in vier Jahren die vielleicht beste Schalker Mannschaft neuerer Zeit formte, die 1997 den Uefa-Cup gewann. Wir hatten stets ein sehr enges fußballbezogenes Verhältnis. Privat hatten wir immer sehr unterschiedliche Interessen. Ich habe von Rudi oft Dinge erfahren, die man nicht so gleich über den Sender schicken konnte.

Wie groß sind Assauers Verdienste, dass der FC Schalke 04 zwölf Jahre nach seiner Entmachtung dort steht, wo er steht?
Hansch: Riesig. Es war Rudi Assauer, der Schalke 1993 bei einem großen Schuldenberg die Lizenz gesichert hat. Zum Glück war DFB-Präsident Egidius Braun Schalke-Fan, sodass der Verein mit einer Geldstrafe glimpflich davon kam. Wie groß seine Verdienste um den Uefa-Cup-Sieg sind, weiß jeder. Ich war als Reporter für Sat.1 beim Finale in Mailand. Auf dem Rückflug saßen wir im Flugzeug kurz nebeneinander. Rudi sagte mir, dass seine ganze Hingabe ab morgen dem Bau der Arena gelten wird. Dann rollten auch schon die ersten Schwerlast-Transporter an. Keiner im Verein, gerade auch Clemens Tönnies nicht, würde bestreiten, dass dieses schöne Stadion ohne Assauer jemals gebaut worden wäre. Die Arena ist Rudis Denkmal. Auch an den beiden Pokalsiegen unter Trainer Huub Stevens und an der ‚gestohlenen‘ Deutschen Meisterschaft 2001 ist sein Anteil enorm. In meinen Augen ist sein größtes Verdienst aber ein ganz anderer. Einer, der weit über seine sportlichen Verdienste hinausgeht.

Wie meinen Sie das?
Hansch: Der Film „Rudi Assauer - Ich will mich nicht vergessen“, der im Februar 2012 im ZDF in der Sendung 37 Grad erstausgestrahlt wurde, ist eingeschlagen wie eine Bombe. Dass sich Rudi, dieser Macho, dieser Manager und Macher, diese Legende, geoutet und damit dieser verdammten Krankheit einen nachhaltigen Schub in Richtung Enttabuisierung verpasst hat, ist seine größte Lebensleistung. Plötzlich war es nicht mehr die verdrängte Krankheit, über die man lieber nicht sprach. Der Kino-Hit „Honig im Kopf“ mit dem großartigen Didi Hallervorden wäre womöglich nie gedreht worden. Der ehemalige Gesundheitsminister Hermann Gröhe würdigte bei der Assauer-Preisverleihung im Dezember 2016, was Rudi angestoßen hat. Anschließend wurden sehr wichtige Reformen im Bereich Pflege auf den Weg gebracht. Demographen sagen uns, in Zukunft würden noch viel mehr Menschen an Alzheimer erkranken. Es heißt nicht ohne Grund, dass Alzheimer die Volkskrankheit der Zukunft ist.

Wann haben Sie von seiner Krankheit erfahren?
Hansch: Im Nachhinein ist mir bewusst, dass Rudi mindestens seit 2006 krank ist. Den 17. Mai 2006 werde ich jedenfalls nie vergessen. Ich saß in den Katakomben des Stade de France in Paris und bereitete mich auf das Champions-League-Finale Arsenal gegen Barcelona vor, als einer die Tür aufriss und fragte, ob ich schon gehört hätte, dass Rudi Assauer auf Schalke entlassen ist. Wieder zu Hause, traf ich mich sofort mit Rudi und seiner damaligen Lebensgefährtin Simone Thomalla. Beide erzählten Legenden. Dass Mitglieder des Aufsichtsrats scharf auf seinen Job wären und Clemens Tönnies ihnen nachgegeben hätte. Das wollte ich ihm so nicht glauben und sprach Clemens Tönnies darauf an, der mich nach Rheda-Wiedenbrück einlud. Hier führte er mich zunächst durch seinen Betrieb und dann in sein Büro.

Was teilte er Ihnen mit?
Hansch: Er begann wie folgt: ‚Wir wären doch mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn wir uns von einem gesunden Rudi Assauer getrennt hätten‘. Dann erzählte er von Rudis Alkoholproblem und dass der Verein keine andere Möglichkeit als die Trennung hatte. Später wurde mir klar, dass sein Alkoholproblem wohl nur die Maske für seine Alzheimer-Krankheit war.

Sie hatten im Anschluss einige öffentliche Auftritte mit Rudi Assauer.
Hansch: Ja, Rudis Aura war ja nach wie vor lebendig. Er bekam Angebote von Versicherungen, Banken und Firmen. Er sollte Vorträge halten, fühlte sich dabei aber unwohl. Das war nicht sein Ding. Also machten wir es zusammen. Ich stellte ihm die Fragen und er antwortete. Im November 2010 waren wir beim Lions-Club in Raesfeld und redeten über Fußball. Er wiederholte ständig Namen und stammelte. Als wir nach Hause fuhren, bat ich ihn um ein Gespräch.

Das wie verlief?
Hansch: Rudi fragte: ‚Wat hasse?‘ Ich sagte ihm, dass ich das Gefühl habe, dass in seinem Kopf nicht mehr alles stimmt. Er bekam einen krampfartigen Weinanfall und fiel mir um den Hals. In seinem Wohnzimmer zeigte er mir Zeitschriften mit Kreuzworträtseln. Er wollte mir zeigen, wie sehr er gegen diese Krankheit ankämpft. Da wusste ich, dass er Hilfe braucht. Am nächsten Tag rief ich seine Tochter Katy Assauer an, die dann mit ihm Experten in der Essener Memory-Klinik aufsuchte.

Was wünschen Sie Rudi Assauer?
Hansch: Gesund wird der Rudi leider nicht mehr. Diese Krankheit ist wohl noch lange unheilbar. Deshalb wünsche ich ihm, gemessen an seiner Krankheit, einen harmonischen Lebensverlauf bei bester Pflege und bester Betreuung in seinem familiären Umfeld.

Autor: Christoph Winkel

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