24.04.2018

MSV

Ein Polster, aber keine Kuschelecke

Foto: firo

Bei MSV-Trainer Ilia Gruev hielt sich die Euphorie nach dem 3:1-Sieg in Aue in Grenzen. Der Fußball-Lehrer mahnt weiter zur Konzentration.

Überschwang der Gefühle allenthalben: Dustin Bomheuer war nach dem 3:1-Sieg des Fußball-Zweitligisten MSV Duisburg in Aue „überglücklich“, wie er sagte. Kapitän Kevin Wolze fand den Nachmittag im Erzgebirge-Stadion „einfach überragend“. Gerrit Nauber sprach einem „sehr großen Stein“, der mit dem ersten Sieg nach der langen Misserfolgsserie vom Herzen gefallen sei. Präsident Ingo Wald bekannte „mega froh“ und „mega erleichtert“ zu sein.

Trainer Ilia Gruev ließ dagegen keineswegs seine Stimmbänder vibrieren. Nüchtern analysierte der Coach den „sehr, sehr, sehr wichtigen Sieg“. Selbst beim traditionellen Lob des Siegers für den Verlierer fiel ihm nicht mehr ein, als Aues schönes neues Stadion zu würdigen. Das konnte er schon mal besser. Der Trainer wirkte alles andere als euphorisch. Es lohnte sich auf die Zwischentöne zu hören. „Von viel Kommunikation“ der Kicker auf dem Platz sprach der Trainer und davon, dass man an diesem Tag bereit gewesen sei, die Wege zu gehen, die wehtun. Gegenfrage: Hatten sich die Kicker angesichts von 37 Punkten nach 24 Spieltagen vorher in der Komfortzone gemütlich gemacht?

Der Coach wollte offenbar keine neue Kuschelecke nach dem Ende der Trockenzeit mit sechs Spielen ohne Sieg einrichten. Gruev: „Wir haben noch nichts erreicht. Es sind drei weitere Spiele, und die Liga ist sehr eng.“ Er fügte jedoch hinzu: „Mit diesem Sieg können wir noch ruhiger arbeiten.“ Die Betonung liegt auf dem Wörtchen „noch“, denn Gruev wollte deutlich machen: Man habe trotz mancher Störfeuer die Nerven im Griff gehabt.

Es gab da zum Beispiel den Querschuss von Ex-Kicker Baris Özbek, der sich wohl nicht unmotiviert bemüßigt fühlte, die Qualitäten des Trainers in heikler Lage anzuzweifeln. Gruev ging darauf – wenn er es überhaupt so gemeint hatte – wie ein Billardspieler ein. Er ließ die Kugel über die Bande ins Ziel rollen: „Wir haben gezeigt, dass uns bewusst ist, dass wir uns im Abstiegskampf befinden.“

Es war freilich nicht alles Gold, was da im Licht der strahlenden Frühjahrssonne glänzte. Es kann auch sein, dass die Zebras nur lange genug am Baum gerüttelt haben. Bis endlich einfach irgendwann eine Birne runterplumpsen musste. Es brauchte am Sonntag durchaus eine gute Portion Glück. Die beiden Konter der Hausherren in den ersten sechs Minuten offenbarten: Nicht alle Tücken im System sind beseitigt. Dass alle drei Tore nach Standard-Situationen fielen, war keineswegs Zufall. Aus dem Spiel heraus gelang dem MSV sehr wenig. Offensiv war die Formation vor allem in der ersten Halbzeit so gefährlich wie ein Rudel Kaninchen in der Abendsonne.

Gesucht: der Weg in den Strafraum

Die Marschroute lautete offenbar: Bitte nicht wieder in Rückstand geraten! Andreas Wiegel auf rechts und Kevin Wolze auf links brauchten ein Visum, wenn sie über die Mittellinie wollten. Boris Tashchy und Stanislav Iljutcenko fanden keinen Weg, sich in Szene zu setzen. Ohne den Zupfer gegen Cauly Souza im Strafraum wäre wenig Hoffnung auf ein MSV-Tor gewesen.

Damit zeichnet sich dann ab, woran der Coach dank des nun gewonnen Selbstbewusstseins „weiter in Ruhe, seriös und fokussiert“ arbeiten will und muss: Es gilt, den Weg in den Strafraum des Gegners zu finden. Nicht immer helfen Elfmeter aus der Offensivklemme. Daran kann man entspannter feilen. Der Vorsprung von vier Punkten zum Relegationsplatz ist drei Spieltage vor Schluss ein durchaus sattes Polster.

Denn die Konkurrenten spielen auch noch gegeneinander und nehmen sich die Punkte weg. Zudem hat es der MSV in Fürth und daheim gegen ein taumelndes St. Pauli selbst in der Hand, die Gegner auf Distanz zu halten. Das Risiko muss die Konkurrenz gehen und nicht der MSV. Und im Zweifelsfall gilt für die letzten drei Partien: Wenn der MSV nur heftig genug auf den Busch klopft, wird das eine oder andere Pünktchen raushüpfen.

Was aber auch im Blick bleiben muss: Den Klassenerhalt hat man vor allem den guten und überzeugenden Spielen im November, Dezember, Januar und Februar zu verdanken. Die Vorstellung in Aue war lediglich besser als vorher, aber noch nicht wirklich gut. Am Sonntag gegen Regensburg reicht ein „schon besser“ aber sicher nicht. Und es gibt für den Verein mehr zu erreichen als den Klassenerhalt. Für eine gute finanzielle Zukunft wäre ein einstelliger Tabellenplatz hilfreich. Bis Platz fünf sind es übrigens nur drei Zähler. Klingt verrückt, nachdem man gerade erst in den Abgrund geschaut hat? Kein Problem! Die ganze Liga ist in diesem Jahr verrückt.

Autor: Hermann Kewitz

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