21.09.2017

Schalke

Tedesco genervt: „Dann bin ich da halt raus“

Foto: dpa

Schalke beteuert, dass Naldos Handspiel bei der Schulung vor der Saison als nicht strafbar galt – jetzt blickt keiner mehr durch. Ein Beispiel zeigt: Es wird mit zweierlei Maß gemessen.

Vor der Saison gibt es für jede Bundesliga-Mannschaft einen festen Termin. Ein Schiedsrichter kommt zu Besuch und hält bei einer Kaffeetafel in entspannter Atmosphäre einen netten Vortrag. Es geht dann darum, welche Neuerungen eingeführt und wie die Regeln ausgelegt werden – was es zum Beispiel mit dem Video-Beweis auf sich hat und wann ein Handspiel strafbar ist. All das wurde vor dieser Saison auch auf Schalke besprochen und bis zum Dienstagabend dachte Ralf Fährmann eigentlich, dass er alles richtig verstanden hat. Jetzt kommen ihm Zweifel.

Es geht nur um Absicht oder nicht

Denn bei der 0:3-Niederlage gegen Bayern München musste Schalkes Kapitän feststellen, dass eine große Diskrepanz zwischen dem besteht, was die Schiedsrichter vor der Saison ankündigen, und dem, was dann auf dem Platz umgesetzt wird. Konkret: Das Handspiel von Naldo wäre bei der Belehrung vor der Saison als nicht strafbar durchgegangen – nun aber führte es zum Elfmeter, der die Schalker Niederlage einleitete. Und da, sagt Fährmann, „fühlt man sich schon ein Stück weit benachteiligt.”

Ausgangspunkt war, dass der Ball Naldo zuerst an den Fuß gesprungen war und von dort unberechenbar an die ausgestreckten Arme abgelenkt wurde. Fährmann erinnert daran, was ihm bei der Schulung gesagt worden sei: „Ich habe es so verstanden: Wenn man reingrätscht, die Körperfläche vergrößert und der Ball direkt gegen den Arm geht, ist es klar und Elfmeter. Wenn der Ball aber erst gegen den Fuß, das Knie oder den Oberschenkel geht und dann gegen die Hand prallt, ist es kein Elfmeter.” Denn bei solchen Flipper-Szenen kann man dem Spieler keine Absicht unterstellen.

Eine These, die Schalkes Trainer Domenico Tedesco stützt: „Uns wurde es so erklärt, dass es nur um absichtliches oder unabsichtliches Handspiel geht.” Und Absicht konnte man Schalkes Abwehrchef sicher nicht unterstellen – Naldo beteuert: „Der Ball trifft erst den Fuß und geht dann gegen die Hand. Das habe ich auch dem Schiri so gesagt.”
Es macht die Sache noch komplizierter, dass sich auch die Schiedsrichter in der Auslegung nicht einig sind, und weil seit dieser Saison durch den Video-Assistenten zwei verschiedene Regelhüter am Werk sind, kommt es zu weiten Interpretationen. Fährmann unterscheidet mittlerweile zwischen dem Mann am Monitor und dem „Schiedsrichter auf dem Platz”, in diesem Fall Marco Fritz, dem man „keinen Vorwurf” machen könne: Er hatte schließlich zuerst auf Weiterspielen entschieden und ließ sich dann von seinem Video-Assistenten Bastian Dankert korrigieren. Man könnte auch sagen: Überstimmen. Aber das würde den Video-Assistenten zum Oberschiedsrichter machen, und so soll die Sichtweise ja nicht sein.
Schalke hielt sich aus zweierlei Gründen so sehr an der Auslegung dieser Elfmeter-Szene fest. Zum einen: Der Rückstand brachte die Blauen aus dem Tritt. Trainer Tedesco: „Ich habe mich auch so aufgeregt, weil es das 1:0 war. In dieser Phase waren wir gut im Spiel.” Auch Fährmann versicherte, dass er die Niederlage gewiss nicht an dem Strafstoß festmachen wollte, aber über eines könne man nicht hinwegsehen: „Gegen die Bayern kommt es auf die Kleinigkeiten an, weil sie qualitativ besser sind. Und wenn man dann früh so ein Bein gestellt bekommt, wird es brutal schwer.”

Der zweite Grund, warum Schalke den Elfmeter nicht einfach klaglos hinnehmen wollte: Bei der 0:1-Niederlage in Hannover hatte es eine vergleichbare Szene gegeben, als 96-Abwehrspieler Sane der Ball nach einer Flanke von Oczipka auf ähnliche Art gegen die Hand gesprungen war, ohne dass es Elfmeter gab. Gleiches Recht für alle? „Man kann nicht einmal sagen, das ist Hand, und im anderen Fall wieder nicht“, erklärt Schalkes Manager Christian Heidel und erzählt, dass die Szene aus Hannover kürzlich bei der Tagung aller Bundesliga-Manager sogar exemplarisch dafür vorgeführt worden sei, warum solche Flipper-Bälle nicht mehr als strafbares Handspiel durchgehen: „Deswegen habe ich mich jetzt sehr gewundert, dass sich der Video-Schiedsrichter eingeschaltet hat – in Hannover ging er nicht ans Telefon.”

Trotzdem für den Video-Beweis

Auch Tedesco sieht für Schalke im Vergleich beider Szenen eine Benachteiligung: „In Hannover wäre es das 1:0 für uns gewesen. Doch wir haben es so akzeptiert, weil es bei uns so geschult wurde.” Schalkes Trainer blickt daher nun gar nicht mehr durch und sagt genervt: „Mittlerweile bin ich dann halt raus bei dem Thema. Dann weiß ich nicht mehr, was Hand ist und was nicht.”

Eigentlich sollte der Video-Beweis den Fußball ja gerechter machen, aber inzwischen weiß man: Es wird eher noch mehr über die Urteile diskutiert. Naldo zieht nochmal sein Handspiel heran: „Der Video-Beweis kann auch Fehler machen, und diesmal war es ein Fehler, der das Spiel entschieden hat, denn wir waren gut drauf.” Fährmann nennt es sogar „pervers”, wenn hier so und dort anders geurteilt wird. Trotzdem sagt Schalkes Kapitän bemerkenswert: „Ich bin nach wie vor für den Videobeweis, denn unterm Strich sorgt er für mehr Gerechtigkeit.“

Was sich in dieser Saison aber erst noch erweisen muss.

Autor: Manfred Hendriock

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